Valom Heinkel He 119 V-4 Nr.: 72100 1:72

Historisches

Die Heinkel He 119 entstand 1935 aus der Notwendigkeit, einen schnellen Aufklärer und Bomber zu bauen. Um auf die geforderte Geschwindigkeit zu kommen, wurde ein möglichst kleiner Rumpfquerschnitt gewählt. Zur Verwirklichung dieses Zieles wurden mehrere Kunstgriffe angewendet. Man entschied sich bei Heinkel, einen DB 606 – einen Motor aus zwei nebeneinander gekoppelten DB 601 – in den Rumpf einzubauen, der die Kraft mittels Fernwelle durch den Besatzungsraum an einen, direkt vor dem Cockpit angebrachten,  Vierblattpropeller übertrug. Auf dem Gehäuse dieser Propellerwelle wurden noch die Flug- und Motoren-Instrumente montiert – man kann sich also vorstellen, welch miserablen Ausblick die Piloten genossen.

Für Probleme sorgte auch die Idee, die Kühlung dieses monströsen Triebwerks, mit seinen insgesamt 24 Zylindern, durch die sogenannte Oberflächenkühlung zu bewerkstelligen. Diese Oberflächenkühlung sollte die Kühlflüssigkeit in einem geschlossenen Kreislauf an die – wie der Name es besagt – Oberflächen des Flugzeuges bringen, der Fahrtwind sollte die Kühlbehälteroberflächen abkühlen und das Kühlmittel in dessen Inneren wieder kondensieren lassen. Die Idee an sich war zwar nicht schlecht, aber nicht praxistauglich. Zum einen bekamen die Techniker den Kühlkreislauf nie wirklich dicht, zum anderen genügte die kleinste Beschädigung und das Kühlmittel rann unwiederbringlich aus. So wurde schon ab der ersten von insgesamt acht Maschinen ein zusätzlicher Ölkühler eingebaut, der bei fast allen Exemplaren zur Vergrößerung der Kühlfläche ausfahrbar war. Letzteres vergrößerte wiederum den Luftwiderstand, was den Vorteil des geringen Rumpfquerschnittes zunichtemachte.

In Serie ging dieses Flugzeug nie, obwohl die Japaner zwei Stück davon für eine Lizenzfertigung geliefert bekamen. 

 

Eine ganz hervorragende Quelle zu diesem Flugzeug gibt es hier: www.klassiker-der-luftfahrt.de/geschichte/flugzeuge/die-heinkel-he-119-betrat-technisches-neuland/584656.

Bausatz

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ein Bausatz wie dieser, von so einem speziellen Flugzeug, ist nur etwas für den absoluten Liebhaber und/oder Sammler der Epoche WK 2, denn für eine Darstellung als Kampfflugzeug taugt das Modell aufgrund seiner Geschichte nicht.

Es war ein reines Versuchsflugzeug. Zudem bedingt die Herstellung in Kleinserie, daß dem Modell Paßstifte und –löcher fehlen, ausgenommen an den Höhenrudern, genau dort aber hat mein Exemplar deutlichen Gußgrat. Für den Anfänger ist der Bausatz eher nicht geeignet, warum wird im Laufe der Rezension gleich klar.

 

Die Abmessungen sind gut getroffen, und die Qualität der Teile, mit versenkten Gravuren, hält jedem Vergleich mit Großserienherstellern stand.

Die transparenten Teile für Cockpit und Verglasung sind sehr dünn, dennoch wird man durch die starke Wölbung der Kanzel nur einen sehr verzerrten Einblick ins Cockpit bekommen.

In dessen Inneren bewegen wir uns ohnehin im Bereich der Spekulation, denn Bildnachweise des detaillierten Innenlebens (aller je gebauten He 119 Muster; nicht nur deren Cockpits) sind keine greifbar, ebensowenig Detail- oder Konstruktionszeichnungen.

Rückwand, Propellerwelle samt Instrumententrägern, Sitze und Steuerhorn sind sehr sauber geformt, ob sie den Tatsachen entsprechen, läßt sich weder 100%ig bestätigen noch verneinen.

Ich vertrete die Ansicht, daß die beiden Sitze wohl eher aus der Serienfertigung der bauzeitgleichen Muster der He 111 stammen, also anders geformt waren, als die Bausatzteile. Wer diesbezüglich auf Sitze von He 111 der Baureihen E oder F zugreifen kann, ist hier im Vorteil. Die Instrumententräger liegen als Ätzteile bei, ebenso ein Paar Ruderpedale, Sitzgurten und die Federbeinscheren der Hauptfahrwerke. Die Instrumente sind auf einem Dia-Film nachgebildet.

Das Funkerabteil hinter dem – gähnend leeren – Motorraum zeigt nur eine rudimentäre Einrichtung, deren Details aber ebenfalls reine Spekulation wären.

Wie erwähnt bleibt der Motorraum leer; hier kann der geübte Modellbauer aber auf Eigenbau zurückgreifen, denn das Aussehen des DB 606 Doppel-Motors ist kein Geheimnis, der war ja auch in frühen Exemplaren der Heinkel He 177 eingebaut. Die Auspuffstutzen liegen als gesonderte Bauteile bei, deren Ausformung für 1:72 gut gemacht ist.

Der, beim Original ausfahrbare, Ölkühler ist in eingefahrenem Zustand aus drei Bauteilen zusammenzubauen. Hier kann sich der erfahrene Modellbauer beweisen, indem er eine bewegliche Nachbildung zustandebringt.

Vorne an der langen, durch den Besatzungsraum führenden, Propellerwelle, rackerte im Original ein riesiger Vierblattpropeller, dessen Propellerblätter als einzelne Bauteile vorliegen. Diese Propellerwelle richtig in der Flucht der Längsachse einzupassen, bedarf großer Geschicklichkeit. Die kleinste Winkel-Abweichung zieht unweigerlich Paßprobleme mit der Cockpithaube nach sich.

Die, angeblich in der V-4 vorhanden gewesene, Bewaffnung fehlt im Bausatz völlig, auch der kleine Bombenschacht ist lediglich durch hauchzarte Gravuren an der Rumpfunterseite angedeutet. Man sollte die Bombenschachtklappen geschlossen lassen, denn genaue Angaben über das Innere liegen ohnehin nicht vor.

Obwohl die Tragflächen und das Seitenleitwerk aus jeweils oberer und unterer bzw. linker und rechter Hälfte bestehen, sind die Hinterkanten so hervorragend dünn geformt, daß sie nach dem Zusammenbau nicht dicker sein werden als die aus je einem Stück geformten, sehr dünnen Hinterkanten der Höhenleitwerke.

Die Stöße der Blechbeplankung sind sehr zart graviert, etwas stärker die der Klappen und Ruder. Ein besonderes Lob hat sich Valom dadurch verdient, daß neben dem Landescheinwerfer auch die Positionslichter der Tragflächenspitzen als extra Bauteile am transparenten Gußast mitgeformt sind. Daran kann sich mancher Großserienhersteller ein Beispiel nehmen.

 

Die Fahrwerksbeine sind präzise gegossen, die Haupträder aus je zwei Hälften unbelastet dargestellt, die Fahrwerksschächte wiederum ohne genaue Details (woher sollte man die auch nehmen), aber mit Wandungen versehen. Man kann also nicht durch die Fahrwerksschächte in die leeren Tragflächen sehen. Bremsleitungen sucht man vergeblich. Die Fahrwerksklappen sind ausreichend dünn. Das Spornfahrwerk wird aus fünf, geschickt modellierten, Einzelteilen zusammengebaut.

Die Farbgebung (Angaben für fünf verschiedene Farbsysteme) beschränkt sich logischerweise auf blankes Metall und grauen Schutzanstrich. Der Bogen mit den Kennungen beschränkt sich auf die zivilen Kennzeichen DA-UTE, den zweifachen Schriftzug HEINKEL und die rote Banderole ums Seitenleitwerk mit dem, für den deutschen Markt unkenntlich gemachten, „Pfuigack“ im weißen, runden Feld. Ob die V-4 dieses Hoheitszeichen überhaupt trug, sei dahingestellt; Fotonachweis ist mir keiner bekannt.

 

Die Bauanleitung erklärt anhand von Explosionszeichnungen ausführlich jeden Bauabschnitt.

 

Kurz gesagt: Der Preis von rund 30 €uronen ist angesichts dessen, was dem Bastler geboten wird, sehr in Ordnung, weil die Qualität stimmt. Die fehlenden Details resultieren aus der mangelnden historischen Nachweisbarkeit, für die der Hersteller ja nichts kann.

 

Peter Fritz

 

20160619